06.10.2016, Aus den Entsorgungsproblemen bei Polystyrol-Abfällen lernen

Aufgrund der bis vor wenigen Jahren erfolgten Verwendung des persistenten, krebserregenden und erbgutschädigenden Flammschutzmittels HBCD in Polysterol-Hartschaum lassen sich derzeit Polystyrol-Abfälle kaum noch entsorgen. Durch die Änderung der Abfallverzeichnis-Verordnung (AVV) zum 01.10.2016 gelten HBCD-haltige Polystyrol-Abfälle als gefährlicher Abfall. Das Kreislaufwirtschaftsgesetz und Gewerbeabfallverordnung schreiben die selektive Entsorgung gefährlicher Abfälle vor. Die Betreiber von Hausmüllverbrennungsanlagen sehen jedoch aus technischen Gründen keine Möglichkeit, getrennt angelieferte Polystyrol-Hartschaumabfälle zu verbrennen. Würde hingegen Polystyrol auch als gefährlicher Abfall gemischt gesammelt werden dürfen, so wäre eine schadlose Verbrennung in den Hausmüllverbrennungsanlagen möglich.

Gut gemeint ist auch das Gegenteil von gut, kommentiert Wolfgang Türlings, Vorsitzender der Bundesgütegemeinschaft Recycling-Baustoffe (BGRB), das durch die Änderung der AVV hervorgerufene Problem. Selbstverständlich müssen gefährliche Abfälle aus dem Umweltkreislauf ausgeschleust werden. Hierzu ist in der Regel eine selektive Sammlung der gefährlichen Abfälle als erster Schritt zu deren Ausschleusung sinnvoll. Im Falle HBCD-haltige Polysterol-Abfälle liegt jedoch offensichtlich eine Ausnahme von dieser Regel vor, da die getrennte Sammlung eine ökologisch unbedenkliche thermische Verwertung in Hausmüllverbrennungsanlagen verhindert.

Im Hinblick auf den Referentenentwurf der Gewerbeabfallverordnung sieht Türlings ähnliches Ungemach für das Baustoff-Recycling drohen. Obwohl seit über 30 Jahren hochwertige Recycling-Baustoffe aus gemischten mineralischen Bauabfällen erzeugt wurden, gilt die Verwendung von Recycling-Baustoffen im Straßen- und Tiefbau offensichtlich im BMUB als „Downcycling“. Dabei übersteigt der jährliche Bedarf an ungebundenen Gesteinskörnungen bzw. Gesteinsgemischen im Straßenbau die Gesamtproduktion an Recycling-Baustoffen deutlich. Auch die BGRB fördert die „höhere“ Verwertung von rezyklierten Betongesteinskörnungen in sogenanntem Recycling-Beton, betont Türlings. Diese Verwertung ist jedoch ökologisch zumeist nur in Ballungsräumen unter der Voraussetzung vorteilhaft, dass das abzubrechende Betonbauwerk entsprechend hohe Betongüten ohne betontechnisch schädliche Kontaminationen aufweist und die Recycling-Anlage, das Transportbetonwerk sowie das neue Bauvorhaben in geringer Entfernung zueinander liegen. Diese Voraussetzungen liegen nach Abschätzung der BGRB nur für weniger als 10 % des Massenstroms mineralischer Abbruchabfälle vor. Deshalb werden auch zukünftig Recycling-Baustoffe überwiegend als ungebundene Gesteinsgemische im Straßen- und Tiefbau Verwendung finden.

Vor diesem Hintergrund ist die im Referentenentwurf der Gewerbeabfallverordnung vorgesehene getrennte Sammlung und Transport von Beton-, Ziegel- und sonstigen Baukeramikabfällen unverständlich, so Türlings. Recycling-Baustoffe aus gemischten mineralischen Abbruchfraktionen weisen hervorragende technische Eigenschaften sowie eine hohe Umweltverträglichkeit auf. Von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) durchgeführten Untersuchungen an einer als Versuchsstrecke errichteten Ortsumgehungsstraße bestätigten sehr gute technische Eigenschaften von Recycling-Gemischen mit derzeit zulässigem Ziegelanteil. Die vorgesehenen Getrennthaltungspflichen für die unterschiedlichen Fraktionen mineralischer Bau- und Abbruchabfälle werden daher nicht nur zu erheblichen Mehrkosten bei Abbruchmaßnahmen sondern auch zu Problemen beim Baustoff-Recycling führen. Für sortenreines Ziegel-Recycling-Material  besteht weder eine Wiederverwertungsmöglichkeit in Ziegeleien noch ist sowohl aus technischen Gründen als auch im Hinblick auf die Umweltverträglichkeit eine uneingeschränkte Verwendung im Sportplatz- und Wegebau möglich. Somit steht zukünftig eine Deponierung größer Mengen von Ziegel- und sonstigen Baukeramikabfällen zu befürchten.

Somit droht auch hier ein gut gemeinter, jedoch völlig praxisferner Ansatz unnötige Probleme zu verursachen. Mit den in der Gewerbeabfallverordnung geplanten Neuregelungen würde der Kreislaufwirtschaft Bau ein Bärendienst erwiesen. Man sollte daher aus den aktuellen Problemen infolge der Getrenntsammlungspflicht bei Polystyrolabfällen lernen und die bisherige, gut funktionierende Praxis im Bereich mineralischer Bau- und Abbruchabfälle nicht ohne Not gefährden, fordert Wolfgang Türlings.